47693325-00-00.jpg
Titel:
Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi Moshi Shimokitazawa
Autor: Banana Yoshimoto
Übersetzter: Matthias Pfeifer
Verlag: Diogenes Verlag AG
Erscheinungsdatum: 26.04.2017
Seitenzahl: 304

Die zwanzigjährige Yotchan steht vor dem Nichts, als ihr Vater, Leader einer Rockband, plötzlich zusammen mit einer wildfremden Frau Selbstmord begeht. Mit ihrer Mutter findet sie Zuflucht in einer ungewöhnlichen WG in Tokios Künstler- und Szene-viertel Shimokitazawa. Dort findet jede auf ihre Art zu neuer Lebensfreude zurück, getragen von dem authentischen Stadtviertel und seinen Bewohnern.

 


Herrje, so knapp vor „Ablauf“ der Zeit wollte ich das Ganze gar nicht online stellen. Aber hier sitze ich zehn Minuten vor Mitternacht und erst jetzt kommt die Rezension! Ich sollte mir vielleicht doch mal „normale“ Schreib- und Onlinezeiten angewöhnen…  Andererseits denke ich, dass man immer dann schreiben soll, wenn man die Lust und die Motivation verspürt und das ist ja bekanntermaßen bei mir nachts.

Nun aber genug davon, ab zum wesentlichen.

Als ich mir damals im Juni das Buch Mochi Mochi von Banana Yoshimoto kaufte, wusste ich nicht wirklich was mich erwartet. Der Klappentext hatte mich zwar grob auf das Thema vorbereitet, aber wie ich mir diese Geschichte vorzustellen hatte wusste ich nicht. Eine Geschichte über Verlust, Trauer und Heilung. Soviel konnte ich aus diesen paar Sätzen herauslesen. Ich hatte bis dahin noch kein japanisches Buch gelesen, außer Manga aber die sind eine ganz andere Art der (Schreib)Kunst. Ich wusste also nicht wie japanische Schriftsteller schreiben, was für diesen „Blindkauf“ auch von Vorteil war. Hätte ich im Vorfeld etwas zu dem Buch gegoogelt, hätte ich es womöglich nie und nimmer gekauft! Warum? Die Erzählperspektive. Ja, genau die Perspektive wie erzählt wird. Ich kann mich mit allen Perspektiven anfreunden, die es gibt, mehr oder weniger. Eine mit der ich mich nie so wirklich anfreunden konnte war: der Ich-Erzähler. Ich weiß, andere schwören darauf. Ich tat mich nur immer etwas schwer diese Perspektive zu lesen. Warum auch immer das so war.

Das Ganze hat sich in den Moment geändert als ich anfing Moshi Moshi zu lesen. Anfangs war zwar meine Reaktion wie immer, wenn ich den Ich-Erzähler entdeckte; genervt die Schultern hängen zu lassen und zu denken „Oh Gott, bitte nicht!“ Aber, da ich so viel Gutes über diesen Roman gehört hatte, wollte ich ihm eine Chance geben. Und Gottseidank tat ich es.

Der Schock sitzt noch zu tief, als dass ich das Geschehene in mir irdnen könnte. Auch sind meine Erinnerungen an damals nur bruchstückhaft, und vielleicht wird es mir niemals gelingen, dieses Ereignis ganz zu begreifen. Wenn man das Leben als einen Prozess bezeichnet, in dem die Mysterien eher zu- als abnehmen, dann bin ich allein mit diesem Ereignis den Rest meines Lebens bedient.

Yoshimoto-sans Stil zu schreiben, zu Erzählen und den Leser mitten in das Geschehen und die Geschichte zu ziehen hat mich von der ersten Seite an gefangen genommen. Ich wollte am ersten Abend nur kurz reinlesen und sehen wie schwer der Ich-Erzähler und ich uns mal wieder tun werden. Doch dem war nicht so! Jedes Mal wenn ich versuchte das Buch wegzulegen um zu schlafen, ging fünf Minuten später wieder das Licht an weil ich wissen wollte wie es Yotchan in ihrer kleinen Wohnung ein Jahr nach dem Selbstmord ihres Vaters erging. Die tiefe Trauer, die Wut und auch die Verzweiflung, die schon in den ersten Seiten zum Vorschein kam waren fesselnd. Die verschiedene Art und Weise wie Mutter und Tochter mit dem Tod des Vaters und Ehemann umgingen war eine Herausforderung für die beiden Frauen, und auch für mich.

Meine Meinung

Meine Meinung zu diesem Roman, kannst du dir sicherlich schon denken. Ich war positiv überrascht. Und zwar von allem! Auch, wenn ich eher in der Fantasy- und Jugendliteratur zu Hause bin hat mich dieser Roman auf den Geschmack für anderes gebracht. Bücher über das ganz normale Leben sind genauso spannend, wie Drachen, Magie und irgendwelche Zauberwesen. Eigentlich sind sie noch spannender, würde ich für meinen Teil behaupten. Jeder kämpft mir Problemen, Verlust und Trauer. Wir zergehen daran, oder denken zumindest das wir es tun und irgendetwas oder irgendwer öffnet uns die Augen und sorgt dafür das wir es aus diesem dunklen Loch schaffen. In dieser Geschichte sind es Yotchan und ihre Mutter selbst, die sich auf ihre jeweils eigene Art und Weise aus dieser Verzweiflung retten und zurück ins Leben wühlen.

Ich fühlte bei jeder Seite die ich las einen Stich im Herzen. Die ganze Geschichte war so realistisch, detailliert und feinfühlig geschrieben, dass ich Yotchan und ihre Mutter irgendwann nur in den Arm nehmen und trösten wollte! Und auch wie die spontane und eher Unfreiwillige Mutter-Tochter-WG zustande kam war witzig, erschreckend und herzzerreißend zu gleich. Einen geliebten Menschen durch Selbstmord zu verlieren hinterlässt bei allen beteiligten Spuren. Und diese klaren, unverhohlenen Worte auf jeder einzelnen Seite brachten mich so viel näher an das Geschehen heran als ich es mir hätte ausmalen können.

Was mich besonders Faszinierte waren diese kleinen, fast unsichtbaren Schritte der Heilung die Yotchan immer wieder tat. Diese Starre, körperlich wie auch seelisch, als würde sie sich von Tag zu Tag ein wenig mehr auflösen und verschwinden. Die Fortschritte und Rückschläge, wie sie wieder in den Alltag fand waren spannend und amüsant zugleich. Nicht dass es die großen bewegenden Dinge und Taten waren, die ihr aus ihrer Trauer halfen, nein. Es waren die Alltäglichsten Dinge wie das, Essen und das Reden. Das reden mit der Mutter, der Person, der ihr am nächsten stand. Aber auch die Bekannten ihres verstorbenen Vaters halfen ihr, einen mehr oder weniger klareren Blick auf den Selbstmord ihres Vaters zu werfen. Und auch die Liebe hilft ihr, wenn auch die Liebe, für die sich Yotchan am Ende entscheidet, (tat sie das überhaupt?) mich eher fassungslos und verwirrt und etwas erschrocken dastehen ließ. (Ehrlich, ich hatte es zwar irgendwie kommen sehen, aber dann irgendwie auch wieder nicht.)

Es war eben etwas passiert, was den bisherigen Fluss der Dinge störte, das war alles. So kam es mir vor.
Es tröstete mich, Mutter zu sehen, wie sich endlich etwas tat und den Leuten ein Lächeln schenkte. Ich merkte dass etwas bei ihr zurückgekehrt war. Ein Glanz von früher, als wir noch eine Familie waren und gemeinsam etwas aufbauen wollte. Aber da war auch der Schmerz des Verlusts, die Schönheit der Trauernden in ihr.
In dem Augenblick wurde mir bewusst, dass es gut war, Vater nach und nach zu vergessen. Vergangenes wieder ausgraben, seiner gedenken, das konnte ich auch noch Jahre später.


Fazit

Ich kann dir dieses Buch nur wärmsten Empfehlen! Ich war hin und weg. So schnell hatte ich ein Buch noch nie durch. Auch wenn ich das lesen über mehrere Tage verteilt hatte, kann ich angeberisch wohl sagen, dass es keine 6 Stunden waren, die ich brauchte um auf der letzten Seite anzukommen. Am Ende war ich, erschrocken, verwirrt und fühlte immer noch, wenn ich an diese realistische Sprache zurück dachte einen Stich im Herzen. Es ist schon eine weile her, dass mich ein Buch so emotional zurückgelassen hat. Mehr als alles andere aber wollte ich wissen wie es mit Yotchan und ihrer Mutter weiter ging. Und das will ich jetzt auch immer noch. Haben sie es beide geschafft? Wie kann man nach solch einem Schicksalsschlag wieder glücklich werden? Kann man das überhaupt? Und wenn ja, braucht es mehr als nur Zeit oder gibt es noch eine geheime Zutat für’s wieder glücklich werden? Aber eigentlich hatte Yotchans Mutter auf Seite 141 schon den Hinweis gegeben wie es mit den beiden in Zukunft weitergehen wird oder, weitergehen sollte:

Was wir zu Gesicht bekamen, hat alles kaputtgemacht. Trotzdem leben wir noch. Wir dürfen nicht den Fehler machen, von nun an so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Wir müssen neu anfangen, und zwar von ganz unten, und froh sein, wenn wir uns an einem Tag mal nicht am Boden zerstört fühlen. Dann werden uns irgendwann auch die Träume keine Angst mehr machen.


Ich hoffe diese kleine, irgendwie doch viel zu lange und „unaufgeräumte“ Rezension hat dir gefallen? Ich hoffe, die nächsten Rezensionen werden etwas kürzer und routinierter. (Was auch immer routiniert in diesem Falle bedeuten soll.)

Untitled-1

Beitragsbild: Photo by Cathy Mü on Unsplash

*Alle rezensierten und vorgestellten Bücher wurden von mir selbst gekauft.

4 thoughts on “Rezension: Moshi Moshi von Banana Yoshimoto”

  1. Na das freut mich doch dass du deinem Vorhaben nachgekommen bist!
    Die. Uhrzeit ist doch völlig egal😉

    Und zum buch: von ihr ist aber auch wirklich ständig jemand am. Schwärmen, ich werde mir wohl endlich mal selbst ein bild von ihr machen müssen 😅
    Und es freut mich, dass du nun auch Interesse an Büchern über den Alltag gewonnen hast. Ich mag an ihnen so sehr, dass sie zeigen, dass jede Geschichte, jedes Leben wertvoll einzigartig und erzählenswert ist! Vielleicht kannst du ja bald mein Buch lesen… Wenn ich jemals fertig werde💩😂

    0
    1. Danke dir! Ich hab mich auch riesig gefreut und war stolz drauf, dass trotz später Stunde was online ging. 🤗😊

      Haha, so wie‘s dir jetzt geht ging es mir auch und nach dem Buch hab ich die Schwärmereien verstanden! 🤓 mach das! Und falls du dir mal ein Buch von ihren „genehmigen“ solltest sag bescheid! 😁😉

      Oh ja, da würde ich auch gerne mal reinlesen, denn das Thema Alltag und „reales“ hat’s mir echt angetan. Genau aus den Gründen die du nennst! 🤗
      Ich drück dir die Daumen und falls du mal input brauchst, ich bin da und würde gerne lesen und helfen! 😍🤩

      0
      1. Du wirst als erste davon erfahren 😉
        Ich war vor kurzem echt nur einen Schritt davon entfernt, einen Roman von ihr zu kaufen😅

        Ich muss erst selbst mal wieder rein kommen, war jz durch den Umzug doch etwas sehr raus gerissen… 🙈 Aber ich komme gerne auf dich zu wenn ich Hilfe brauche, Inspiration ist immer gut☺️

        0
        1. Yay, danke! Ich freu mich jetzt schon! 😁🤩
          Haha, sieh an, sie an! 😉 Dann heißt es demnächst wohl doch mal, kaufen. xD

          Das glaub ich dir aufs Wort! Wenn man erstmal raus is, dann ist das irre schwer wieder reinzukommen. 😬😛 Ich weiß selbst wie das ist… 😝 Ja, gern, auch wenn ich mal etwas länger brauche mit Antworten, kannst du immer gern was schicken, wenn du Hilfe brauchst! 🤓

          0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.